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Das Wappenrelief am von Stadion‘schen Hof in Niederwalluf:

Prächtig, doch nicht ganz korrekt

Stadioner Hof

Einer der wenigen erhaltenen einstigen oder zeitweiligen Adelssitze in Walluf ist der „Stadioner Hof“ in der Kirchgasse (Bild 1). Um das Jahr 2000 wurde er erfreulicherweise vor dem Verfall gerettet (Bild 2). Die Sanierung auf Basis eines rentablen Nutzungskonzepts erfolgte weitgehend denkmalgerecht (Bild 3). Alle Teile des Hofes gelten als Sachgesamtheit mit Zeugnissen verschiedener Epochen und sind ein wesentlicher Bestandteil des alten Ortskerns.

Am Vorderhaus (18. Jh.) prangt über der Hofeinfahrt ein Wappenrelief, das ein „Allianzwappen“ der Familien von Stadion und Thannhausen und von Stauffenberg zeigt (Bild 4/5/6/7). Die „Allianz“ bestand aktuell in der Heirat von Hugo Johann Joseph Franz Philipp Carl Graf von Stadion (26.11.1720 - 30.12.1785) mit der Freiin von Stauffenberg *), Maria Anna Thekla Walpurgis Therese Schenk von Stauffenberg (28.12.1728 - 25.02.1799), am 25.04.1745 in Würzburg.

Irgendwann ist bei der farblichen Fassung der beiden Wappen ein Fehler passiert: Im von Stauffenberg‘schen Wappenschild müssen die beiden Löwen die Farbe Blau haben, nicht Gold. Das Rot des Balkens, der den Schild teilt, ist zwar auch nicht ganz korrekt, ebenso das Rot der beiden Kreuze im von Stadion - Wappen, aber dies ist vertretbar.

Was Norbert Michel zur Geschichte des Hofes herausgefunden hatte:

Von den Erbauern über die wechselnden Eigentümer bis heute ist der namensgebende auch nur ein zeitweiliger Bewohner gewesen: Hugo Johann Philipp Graf von Stadion, Geheimer Rat und Amtmann zu Höchst und Hofheim. Sein Bruder Carl Anton Graf von Stadion, Kanonikus zu Trier, Würzburg und Speyer, hatte ihm das Anwesen vermacht.

In den Besitz des Hofes war er 1746 gelangt: Die Familie Schweickhardt als Vorbesitzer hatte bei dem Mainzer Geheimen Rat und Kanzleidirektor Gottfriedt von Lammerts 1741 eine Hypothek aufgenommen, die dieser an Carl Anton Graf von Stadion übertrug. Die Schweickhardts konnten den Kredit nicht zurückzahlen und verloren Haus und Hof.

Der Hof war Teil eines großen Winkelgrundstücks. Der eine Schenkel lag an der Kirchgasse und der andere an der Rheinstraße, plus Garten bis zum Leinpfad. Bis Ende der 1820er Jahre befand sich an der Rheinstraße ein barockes Lustgebäude, das zum Stadioner Hof gehörte (Bild 8).

Zudem befanden sich im Ort weitere Grundstücke im von Stadion'schen Besitz, zum Beispiel in der Brückenstraße das heute sehr schön restaurierte Fachwerkhaus neben dem ehemaligen Gasthof "Zur Eintracht".

>>> Zur sehr detailreichen Dokumentation von Norbert Michel aus dem Jahr 1997

Zur Geschichte der Familie von Stadion …

Die von Stadion stammen aus Graubünden und hatten sich im 13. Jh. in Schwaben niedergelassen, von wo aus sie sich über drei Familienzweige ausbreiteten. Zu der im 14. Jh. entstandenen Elsässischen Linie zählen die „hiesigen“ von Stadion. Ab 1705, nach Zugewinn der Herrschaft Thannhausen, nennt sich die gräfliche Familie jedoch von Stadion und Thannhausen.

Der Ehe von Hugo Johann Philipp Graf von Stadion mit Maria Anna Schenk von Stauffenberg entstammen sieben Kinder. Tochter Bernardine Magdalena Rosina von Stadion, hat am 11. 09. 1790 in der Niederwallufer Pfarrkirche Philipp Hugo Wambold von Umstadt geheiratet. Er ist u.a. Kämmerer des Großherzogtums Frankfurt gewesen, welches aber nur sehr kurz, von 1810 bis 1813, bestand.

Die, auch weiter oben, genannten von Stadions sind ehrbare, aber keine herausragenden Mitglieder ihres Hauses gewesen. Stattdessen wäre besonders Anton Heinrich Friedrich Graf von Stadion (1691-1768) zu nennen. Er ist Großhofmeister (= Kanzler) am kurfürstlichen Hof zu Mainz gewesen und sorgte unter Kurfürst Johann Friedrich Karl von Ostein (1743-1763) für bedeutende Reformen im Kurfürstentum Mainz.

Noch höher konnte ein weiteres Familienmitglied derer von Stadion aufsteigen: Franz Konrad Graf von Stadion und Thannhausen (* 29. August 1679; † 6. März 1757) ist Bamberger Fürstbischof gewesen (1753-1757). Daher ist das Familienwappen am berühmten Alten Rathaus von Bamberg sowie in Würzburg zu finden, wo er Domherr gewesen ist.

Einer seiner Vorgänger in Bamberg heißt übrigens Marquard Sebastian Schenk von Stauffenberg (* 14. Mai 1644; † 9. Oktober 1693), der von 1683 bis 1693 Fürstbischof von Bamberg gewesen ist. Mit Abstand berühmtester Sproß des Hauses von Stauffenberg ist natürlich der Hitler-Attentäter Oberst i. G. Claus Graf Schenk von Stauffenberg. >>> Siehe meine persönliche Betrachtung.

Ausserdem: Schon früher waren beide Häuser ehelich verbandelt, allerdings "umgekehrt": am 03.11.1599 hatte Margarete von Stadion den Freiherrn Wilhelm Schenk von Stauffenberg (1573-1644) geheiratet.

… und eines Teils ihrer Wallufer "connections"

Kolborn-SilhouetteDie Söhne des Kurmainzischen Hofrats Graf Johann Franz Konrad von Stadion (1736-1787), Friedrich Lothar und Johann Philipp, sind von Joseph Hieronymus Karl Kolborn**) erzogen worden (siehe Schattenriß von 1779 und Bild 09). Dieser ist am 08. 03. 1744 in Niederwalluf geboren worden, als Sohn des Wallufer Oberschultheißen Sebastian Kolborn und seiner Frau Anna Maria Mella.

Das Kolborn'sche Elternhaus befindet sich in der Alten Hauptstraße 12a (später Weingut Reuter). Die Kolborns tauschten den Hof aber 1756 mit dem gegenüberliegenden Anwesen des Freiherrn von Greiffenclau zu Vollrads. Dieses, Alte Hauptstr. 14, wurde Ende des 20. Jhs. zeitweilig als Restaurant "Zur Rheinidylle" genutzt.

Nicht weniger nobel ist das Elternhaus von Anna Maria Mella: Zwischen dem Stadioner Hof und der Kirche gelegen, Mitte des 18. Jhs. von Karl Hieronymus Mella in etwa zu dem heutigen, sehr schön restaurierten Anwesen umgebaut. Die Mellas stammten aus Oberitalien und waren als Spezereienhändler auch in Mainz tätig und ansässig.

Anmerkung des Autors:

In Mainz ist ein weiteres Allianzwappen derer von Stadion zu sehen. In dem heute eine Bank beherbergenden Stadioner Hof wohnte der oben erwähnte Großhofmeister Anton Heinrich Friedrich Graf von Stadion mit seiner Frau Maria Anna Auguste von Sickingen, die er 1724 geheiratet hatte. Daher das Stadion'sche Wappen dort mit dem Wappen der Freiherrn von Sickingen "alliert".

Der 1733 fertig gestellte Mainzer Stadioner Hof war als Rollingscher Hof (bzw. Palais für Freiherr Lothar Friedrich von Rollingen) von Anselm Franz von Ritter zu Groenesteyn (1693-1765) entworfen worden, der in Kiedrich geboren wurde und am Kurfürstlichen Hof in Mainz wirkte, nicht nur als Architekt. 1737 wurde der Hof versteigert und den Zuschlag bekam Graf von Stadion.

Als Solitär in freier Landschaft noch beeindruckender ist Schloss Warthausen, der von Stadion‘sche Familiensitz bei Biberach a.d. Riss. Dessen Anfänge gehen auf das 12. Jh. zurück. Das zweimal niedergebrannte Schloss war 1620 im Renaissance-Stil wieder aufgebaut worden. In diesem Zustand erwarben es 1696 die Grafen von Stadion.

*) Die Schenken von Stauffenberg gehören zum Uradel (erste Erwähnung 1262, Reichsritterschaft), waren 1692 in den Reichsfreiherrnstand und 1874 in den (bayerischen) Grafenstand erhoben worden.

**) Der "Wallufer Bub" Joseph Hieronymus Karl Kolborn stieg, nachdem er sich im Hause von Stadion Ansehen erworben hatte, zum Kanoniker, 1772 zum Dekan (Bild 10), dann zum Geistlichen Rat (1788), zum Mitglied des Generalvikariats Mainz und zum Geheimen Rat (1805) des Kurerzkanzlers Karl Theodor von Dalberg (letzter Mainzer Kurfürst) und schließlich zum Weihbischof auf. 1813 wurde er in den Freiherrn-Stand erhoben (siehe Bild 11, Wappen von Kolborn), starb jedoch wenig später (20.05.1816 in Aschaffenburg).

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© Herbert Ujma 02./25.01./18.06.2016, www.ujmaweb.de
Korrektorat: Dr. Edgar J. Hürkey
Quellen (u.a.): Denkmaltopographie Altkreis Rheingau, Teilband 2; Wikipedia; Norbert Michel und Gerda Schmitt-Teßmann, Heimatarchiv Walluf
Wappen-Grafiken: Wikipedia, Bearbeitung Herbert Ujma
Alle Fotos: © Herbert Ujma

Mehr zur lokalen Historie:

>>> Index "Ergänzungen zur Wallufer Ortsgeschichte"

 

Lupe jeweils Foto anklicken = Ansicht (ggf.) in doppelter Größe

Stadioner Hof

Bild 1: Der von Stadion‘sche Hof in der Niederwallufer Kirchgasse 10 (2011)

Stadioner Hof desolat

Bild 2: So sah es 1979 im Inneren des von Stadion'schen Hofes aus.

Stadioner Hof innen

Bild 3: Aber 2002 ist es im Hof wieder hübsch

Allianzwappen unbemalt

Bild 4: 1996 ist das Allianzwappen unbemalt, aber in gutem Zustand

Unionswappen Stadion - Stauffenberg

Bild 5: Das Allianzwappen mit der realen Farbgebung, die teilweise nicht korrekt ist (2011).

Wappen-Komb

Bild 6: Das Stammwappen derer von Stadion (links) entspricht dem Herzschild im Wappens der Grafen von Stadion und Thannhausen (Mitte), welches in Walluf verwendet wird, vereint mit dem Wappen der Schenken von Stauffenberg (rechts).

Unionswappen Stadion-Stauffenberg korrekt

Bild 7: So würde das Allianzwappen mit richtiger Farbgebung (hier per Photoshop-Tool) aussehen.

Illustration Schloss Greifenstein

Bild 8: Sitz der Grafen Schenk von Stauffenberg ist seit 1691 Schloß Greifenstein bei Bamberg (Illustration: W. Wollschläger, um 1880).
>>> zur Fotogalerie Schloß Greifenstein

Rheinfront Walluf Ausschnitt

Bild 8: Ausschnitt einer Zeichnung von Gerda Schmitt-Teßmann nach einem Delkeskamp-Stich von 1829. Das barocke Lustgebäude mit "Dachlaterne" (Bildmitte) gehörte zum von Stadion'schen Hof.

Familie von Stadion

Bild 09 : Joseph Hieronymus Karl Kolborn (geb. in Niederwalluf), ganz rechts in der Gruppe, auf einem Familiengemälde der Grafen von Stadion vor ihrem Schloß Warthausen (Johann Heinrich Tischbein d. Ä. um 1780 (Abb.: Wikipedia). Die beiden von Kolborn erzogenen Söhne werden nach Rückkehr von einer Kavalierstour von ihren Eltern begrüßt.

Portrait Kolborn Wappen Kolborn
Bild 10: Kolborn in jungen Jahren als Dekan
Bild 11: Wappen des Freiherrn von Kolborn (Siebmacher Bd. II, 1856)