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Herrliche Zeiten bei den „Werbe-Heinis“

Meine wirkliche Karriere fand bei der Fa. Typo Bach KG statt. Dort habe ich als das begonnen, was anderswo „ungelernte Hilfskraft“ genannt wird. Bei Herrn Bach zählten nicht Papiere, sondern das, was hier und jetzt gelang – und was der Firma nützte.

Wenn mir nichts gelungen wäre, hätte ich nicht in jedem der vier Jahre eine ordentliche Gehaltserhöhung bekommen. Jenseits von Tariflohnerhöhungen und ohne, dass ich jemals darum gebeten hatte! Mit jedem Auftrag lernte ich hinzu, bis hin zur Konzeption und zur Strategie, die dahinter stand. Es interessierte mich brennend!

Zum Scribbeln standen bei den Grafikern riesige Batterien an Filzstiften auf dem Tisch, zwecks farblich allerfeinster Nuancierung. Farbverläufe in der Reinzeichnung erforderten die Airbrush-Technik. Mit möglichst großen Pappen (in teuren Mappen transportiert) versuchten dann die Art-Directoren die Kunden zu beeindrucken.

Gutenberg Viele von ihnen legten übrigens besonders großen Wert auf vollendete Typografie – realisiert von Typo Bach auf Barytpapier. Für den Headlinesatz standen über 3.000 Schriften zur Verfügung. Von Buchstabe zu Buchstabe wurde die Spationierung kontrolliert. Rund- und Formsatz wurde noch von Hand "aufgeschnitten" und aufgeklebt. Per Reprokamera, schattenfrei beleuchtet, erfuhr die Montage ihren letzten Schliff.

Auch Bleisatz wurde von manchen Kunden gewünscht, nicht nur als Handsatz, sondern auch als Maschinensatz ( auf Mergenthalers "Linotype", dieser urigen Zeilensetz- und -gießmaschine). So schnell waren die bei Typo-Bach eingesetzten "Diatype" Fotosatzgeräte (siehe Abb.) nicht. Erst die "Linotronic" grub dem Bleisatz endgültig das Wasser ab.

„Learning by Doing“ als meine einzige Chance konnte ich nicht nur bei Typo Bach nutzen. Zeitlich parallel erwarb ich mir journalistisches Handwerkszeug als Juso-Pressesprecher, zusätzlich auch durch Schulungs-Seminare. Einiges hatte ich freilich schon bei den Wortkünstlern in den Werbeagenturen, den Textern, abgeschaut.

„Außerdienstlich“ bekam ich zudem Einblick in die Produktion von Werbespots. Bei meinem Freund Stefan Topell (Filmkaufmann) und seinem Partner Klaus Meeves (Regisseur) durfte ich bei einigen Dreharbeiten (z.B. für American Airlines, Fiat, Maggi) direkt am Set als „Handlanger“ des Produzenten mitmischen.

Icon Spot micro Horror-Drehtag in Kronberg

Ebenfalls unvergessen: Den Start einer neuen, kleinen Agentur erlebte ich sozusagen live: Während ich in deren noblen Altbau-Räumen im Frankfurter Westend die ersten Aufträge für Typo-Bach entgegennahm, wurde weiteres Mobilar, das Edelste, was ich bis dahin gesehen hatte, hereingeschleppt.

Und ich wusste: Auch bei den damals wesentlich größeren Agenturen - wie z.B. Ted Bates, FCB, Ogilvy, Tompson, Y&R – war nicht an der Einrichtung gespart worden. Die besagte Neugründung steht heute ganz weit oben im Agentur-Ranking: Sie hieß und heißt TBWA (Tragos, Bonnange, Wiesendanger, Ajroldi).

Auf andere Weise hochinteressant eingerichtete Ateliers lernte ich bei kleinen, selbständigen Grafikern, Fotodesignern, Buchillustratoren etc, kennen. Warum auch hätte nur deren Outfit verrückt sein sollen …? Ob in reinen Studios, ob in Wohnungen oder auch in Künstler-WG's – von total durchgestylt bis leicht chaotisch war alles dabei. Diese Branche zu dieser Zeit habe ich als ein visuelles Abenteuerland erlebt!

Anfang der 1970’er Jahre hatte ich schon vieles geschrieben und auch schon einige Pappen erstellt. So nannte man etwas spöttisch die Reinzeichnungen, die von den Grafikern erst angefertigt wurden, wenn ihre „Scribbles“ abgesegnet waren. Wurde die Kampagne oder einzelne Anzeige „gekauft“, reduzierten sich anschließend in der Agentur die Sektbestände erheblich.

Apple Logo altDoch es nahte die Zeit grundlegender Veränderungen. Die Erfindung des Desktop-Publishing (DTP) wurde von den Profis zuerst belächelt, dann verflucht, dann immer mehr als Segen empfunden. Letztlich aber hat sie nicht nur für Typo Bach den Tod bedeutet, sondern für die gesamte hochangesehene Zunft der Schriftsetzer! Aber diese Entwicklung ließ sich nicht aufhalten.

Das früher notwendige, komplizierte „analoge“ Zusammenspiel vieler einzelner Spezialisten hatte gut funktioniert. Unter heutigen Effizienz-Anforderungen lassen sich aber „auf dem Mac“ Ideen besser entwickeln und digital umsetzen. Trotzdem gilt: Der Computer hat keine Ideen. Sie entstehen nach wie vor in den Köpfen der Kreativen. Und schon so mancher „Pappe“ von damals mangelte es genau daran …

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© Herbert Ujma, www.ujmaweb.de


Abb. Protestplakat
"diatype" Fotosatzgerät (gesehen im Heimatmuseum Budenheim),
rechts ein Protestplakat © Klaus Staeck

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