Wappen Walluf

Nicht alles Neue ist auch schön

Von Norbert Michel
Heimatarchivar der Gemeinde Walluf

"Gemeinde schaut nicht tatenlos zu"
Bürgermeister Kohl nimmt Stellung

Der Rheingau und damit auch Niederwalluf leben nicht zuletzt vom Tourismus. Die zwischen Rhein und Taunus gelegenen Dörfer und Städte werden wegen ihrer bevorzugten Lage im Rhein-Main-Gebiet, dem Rhein, dem Wein, der Landschaft und wegen der beschaulichen und gemütlichen historischen Ortschaften bestaunt und geliebt. Niederwalluf nimmt hier als Tor des Rheingaus eine besondere Stellung ein.

Die Besucher des Rheingaus, aus den Großstädten des Ballungsraumes Rhein-Main kommend, passieren Niederwalluf, viele bleiben hier, besuchen die Straußwirtschaften, flanieren am Rheinufer entlang und bewundern die, trotz Kahlschlagsanierung der letzten 50 Jahre, die noch immer reichlich vorhandene historische Bausubstanz.

„Im historischen Kern entfaltet Walluf seinen Charme“, so ist es in einem Artikel des Wiesbadener Kuriers nachzulesen. *1 Neben der Kirchgasse, der Brücken- und Rheinstraße, der (Alten) Hauptstraße gefallen die Reste des alten Schiffer- und Fischerviertels in der Hinter- und Fischergasse.

Vieles was noch vor einigen Jahren zum vertrauten Ortsbild von Niederwalluf gehörte, ist heute aus Gedankenlosigkeit oder Profitgier unwiederbringlich verloren. Neubauten, die ohne Berücksichtigung des Umfeldes errichtet wurden, vernichteten bereits Teile der historischen Bebauung der Hinter- und Fischergasse und hinterließen einen negativen Beigeschmack bei der Betrachtung des Niederwallufer Rheinpanoramas.

Oft wird voller Stolz darauf hingewiesen, dass Niederwalluf die urkundlich älteste Gemeinde, gleichzeitig auch älteste Weinbaugemeinde des Rheingaus ist. Bereits 1910 verabschiedeten die Gemeindevertreter ein „Ortsstatut zum Schutze der Gemeinde Niederwalluf gegen Verunstaltung“. Hier heißt es unter anderem:

„§ 1. Für folgende Straßen und Plätze von geschichtlicher oder künstlerischer Bedeutung ist die baupolizeiliche Genehmigung zur Ausführung von Bauten und baulichen Änderungen zu versagen, wenn dadurch die Eigenart des Orts- oder Straßenbildes beeinträchtigt werden würde:

  1. die Bahnhofstraße von der Hauptstraße bis zum Postgebäude,
  2. die Hauptstraße von der Bahnhofstraße bis zum westlichen Ende des Ortes,
  3. die Kirchgasse. *2

§ 4. An den am Rhein entlang führenden Straßenzügen:

  1. Rheinufer,
  2. Rheinallee und
  3. Rheinstraße

dürfen nur Neubauten errichtet werden, die sich dem Orts- oder Landschaftsbilde harmonisch einfügen. Hierbei kommt es hauptsächlich auf Höhe und Umrißlinien der Bauten, die Gestaltung der Dächer, Aufbauten und Brandmauern sowie die im Äußeren anzuwendenden Baustoffe und Farben an, während in der Formgebung der Einzelheiten künstlerischer Freiheit angemessener Raum gelassen werden kann.“

Hans Feldkeller, der hessische Landeskonservator, schrieb 1965, „Der alte Ortskern in enger Bebauung verhältnismäßig wohl erhalten und durch einzelne gute Straßenbilder ausgezeichnet.“ *3 Würde Feldkeller heute eine Aufnahme Niederwallufs vornehmen, müsste er feststellen, dass mehrere der Gebäude die er für denkmalwürdig hielt verschwunden sind, andere massiven Veränderungen unterworfen wurden, so dass der ursprüngliche Charakter verschwunden ist.

Einiges wurde auch neu errichtet, was dem Ortsteil jenseits der Bahn gut gestanden hätte aber nicht in den historischen Ortskern passt. Beim Spaziergang erweckt das ein oder andere Haus den Eindruck, der Besitzer habe bei Wettbewerben „Modernes Bauen“ oder „Bauen mit Beton“ teilgenommen.

Derzeit finden wieder Abrissarbeiten im Bereich der Fischergasse statt, man will hoffen, dass sich die Genehmigungsfehler, die wenige Meter weiter in der Hintergasse begangen wurden, hier nicht wiederholen. Keine Frage, es gibt Gründe, dass ein historisches Gebäude nicht immer restauriert werden kann. Es dürfte aber kein Problem sein, dass das nach dem Abbruch neu zu errichtende Haus dem historischen Umfeld angepasst wird.

Unsere Eltviller und Hattenheimer Nachbarn mit ihrem viel größeren historischen Ortskernen wissen wie das geht und geben sicherlich gerne Auskunft. Einzelheiten zu rechtlichen Fragen und zur Umsetzung solcher Bauprojekte sind schon 1987 in der Broschüre „Landentwicklung im Rheingau und Taunus“ dargestellt. *4

Insbesondere die Beachtung des Abschnittes „Gestaltungsvorschläge“, welcher unter anderem auf das Äußere der Fassaden (Gliederung, Dächer, Fenster, Türen) und die zu verarbeitenden Materialien (Holz, Bruchstein, Schiefer, Sandstein, Pflaster) eingeht, hätte vielen, um nicht zu sagen allen Baumaßnahmen der letzten Jahre im alten Ortskern gut zu Gesicht gestanden. Einiges über das man heute nur den Kopf schütteln kann, wäre so nicht entstanden.

Die Behauptung im Wiesbadener Kurier „Alle Häuser (im alten Ortskern Niederwallufs) sind bewohnt, die Vorgärten sind gepflegt“ stimmt übrigens nicht. Ein alter Bauernhof, Baujahr 1769, wird zur Zeit (Juli 2012) abgerissen, ein Wohnhaus an der Kirche steht schon seit Monaten leer, am ältesten Niederwallufer Gasthaus ist schon seit langem die angefangene Renovierung gestoppt.

Und wenn die Einwohnerzahlen weiter zurück gehen, wovon auszugehen ist, werden noch mehr Häuser unbewohnt sein, mit der bekannten Folge, das nach einigen Jahren das Haus so herunter gekommen ist, dass es nicht mehr zu renovieren ist.

Der Gemeinde würde es gut stehen, sich mit dem Denkmalschutz zu beraten. Ein Dorferneuerungsprogramm sollte ins Leben gerufen werden und vor allen Dingen sollten die Gemeindegremien sich Gedanken machen, wie man die Besitzer der alten Häuser beraten kann, damit das Beispiel des Neubaus in der Hintergasse sich nicht wiederholt.

Fußnoten:

1 „Perspektiven für Jüngere zeigen“, von Brigitte Tietze, Wiesbadener Kurier 25.05.2012

2 Mitteilungen des Vereins für Nassauische Altertumskunde und Geschichtsforschung, 13. Jahrgang, Heft 3, Oktober 1911

3 Hans Feldkeller, „Die Kunstdenkmäler des Landes Hessen“, Deutscher Kunstverlag 1965

4 Landentwicklung im Rheingau und Taunus“, bearbeitet vom Amt für Landwirtschaft und Landentwicklung Wiesbaden, 1987

© Norbert Michel, 15. Juli 2012

Fotos und Kommentare: Herbert Ujma, www.ujmaweb.de

Mehr zur lokalen Historie:

>>> Index Ergänzungen zur Wallufer Ortsgeschichte

Schmiedegaesschen Schon vor vielen Jahren mustergültig restauriert: Schmuckes Fachwerkhaus Ecke Kirchgasse/Schmiedegässchen.

Schiffer-Haus Zweifellos das Haus eines Schiffers (ursprünglich jedenfalls).

Fischergasse 4

Denkmalgeschützt, aber seit Jahren dem Verfall preisgegeben: Die Fischergasse 4 am 02. Mai 2011 von Süden …

Fischergasse 4 von Norden

… und von Norden. Jetzt ist das komplette Anwesen abgerissen.

Abriss Hintergasse 4

Hoffentlich passiert dort nicht das Gleiche wie in der Hintergasse:

Hintergasse

Ein Konzept muss her

Als Wallufer Bürger und als Mitglied des Denkmalbeirats des Rheingau-Taunus-Kreises wünsche ich mir, dass die Gemeinde Walluf ein Konzept erarbeiteten lässt, um die restlichen Original-Häuser im alten Ortskern vor allem vor Verfall und Abriss, aber auch vor Verschandelung durch Modernisierung und /oder Ausbau zu schützen.

Zugleich ist natürlich der Appel des Bürgermeisters an die Eigentümer zu unterstreichen. Auch in anderen Orten ergeben sich jedoch leider immer wieder Ärgernisse im Zusammenwirken zwischen Eigentümern und Behörden (örtliches / Kreis-Bauamt, Denkmalschutz Kreisebene / Landesamt).

Um so wichtiger wäre die Erarbeitung eines Konzepts, das nach öffentlicher Diskussion breite Zustimmung erfährt und somit die Kommunalpolitiker, die Behörden und die Eigentümer gleichermaßen unter Druck setzt, konzeptkonform zu handeln!


Als Reaktion auf den Tagblatt/Kurier-Artikel von Brigitte Tietze vom 12.7.12:

1. WK-Headline

kam Norbert Michel im Kurier/Tagblatt vom 21.7.12 mit seinem Appell ausführlich zu Wort:

2. WK-Headline

Worauf Bürgermeister Manfred Kohl im Kurier/Tagblatt am 2. 8. 12 zu Wort kam:

WK-Headline Bgm