Wappen Walluf

Bangen um den "Backofen"

Von Norbert Michel
Heimatarchivar der Gemeinde Walluf

Foto-Ergänzung und Kommentar Herbert Ujma (11/2014):

Vom "Backofen" zum "Einbauherd"!

Wallufer Festung war östlicher Durchlass des Rheingauer Gebücks

Über den "Backofen" und das Gebück in Niederwalluf und die damit verbundenen Auswirkungen auf den Ort und die Einwohner hatte der frühere Heimatarchivar Norbert Michel in seinen „Beiträgen zur Wallufer Heimatgeschichte" einen bemerkenswerten Aufsatz verfasst. Hier ein aktualisierter Auszug:

Die verbliebenen baulichen Belege sind von sehr hohem Zeugniswert für Walluf als Pforte zum Rheingau und nicht zuletzt für die Kulturlandschaft Rheingau als Ganzes. Zugleich besteht ein großes Potenzial, die verbliebenen Relikte des Gebücks als Wallufer Alleinstellungsmerkmal und als Attraktion eines Gebückwanderweges herauszustellen und erlebbarer zu gestalten.

Nach eindeutigen Belegen wurde zum Schutze des kurmainzischen Rheingaus wahrscheinlich schon im 13. Jahrhundert eine Landwehr, heute als Rheingauer Gebück benannt, angelegt. Diese Anlage hat in Lorch begonnen und bis Walluf gereicht.

Durch die Topografie bedingt, ist die Ostgrenze des Rheingaus Angriffen von Außen ausgesetzt gewesen. Deshalb ist Niederwalluf als „Tor des Rheingaus“ mit etwa 18 Bastionen und Bollwerken verschiedener Bauart und Größe im Verlaufe der Zeit immer stärker ausgebaut worden.

Thumb Gebück-KarteLupe Quelle: Wikipedia
Gebück-Karte, gefertigt von Karl August von Cohausen (1812-1894)

Nach dem Ausbau der dritten Ausbaustufe befanden sich in Niederwalluf drei Bollwerke: Der "Backofen" an der Hauptstraße, der Stock an der Haselnussgasse und das Oestricher Bollwerk am Weg nach Oberwalluf. Ferner die vier Pfortenhäuser: Die Nikolay-Pforte, die Säu-Pforte und die Pforte am Backofen sowie die Feldpforte in der Bahnhofstraße.

Das Ende des 15. Jahrhundert am östlichen Ortseingang wegen seiner runden Form als „Backofen“ bezeichnete Bauwerk ist 1506 als „größtes steinernes Bollwerk, einem Schlosse gleich“, bezeichnet worden. Dieses habe über zwei Stockwerke verfügt. Der Zugang zum Dorf sei zusätzlich durch die äußere Pforte und einen Landgraben zum Rhein hin gesichert worden. Neben der Pforte am Johannisbrunnen habe sich das kurmainzische Landwachthaus befunden. Dieses habe auf dem Gebiet des Lindauer Gerichts als Endstufe des kurmainzischen Gebückaufbaus in Niederwalluf gestanden.

Der Bau des Backofens an dieser Stelle verdankt seine Entstehung sicherlich dem Umstand, dass die Rheingauer Landstraße als der wichtigste Zugang zum Rheingau direkt unter einer kleinen Anhöhe vorbeiführte. In seinen „Diplomatischen Nachrichten“ 1799 hat der Eberbacher Chronist Hermann Bär berichtet, „dass seine beiden Flanken mit hohen Wällen und dem tiefen Landgraben geschützt wurden. Dadurch ward das Bollwerk auf einer Seite mit dem nahen „Rheine und auf der anderen Seit mit dem Gebück verbunden“.

Das Rheingauer Gebück und seine Wallufer Bollwerke hatten einen hohen Stellenwert in den immer wieder auftretenden Meinungsverschiedenheiten zwischen den Lindauern und Kurmainz sowie im Dreißigjährigen Krieg. Erst nach vielen erfolglosen Versuchen ist es den Schweden nur durch Kriegslist und Verrat gelungen, die Befestigungsanlagen bei Neudorf (Martinsthal) zu durchbrechen und Niederwalluf mit dem Backofen von der Rückseite zu stürmen. Auch während der Zeit der Eroberungskriege des „Sonnenkönigs“ Ludwig XIV. hat der Backofen eine wichtige Rolle gespielt.

1770 hat man mit der Abholzung des Gebücks und der Niederlegung der Bollwerke begonnen und die Steine zum Straßenbau und zur Rheinuferbefestigung verwendet. In späteren Jahren ist das Holzgerüst der Decke in Brand gesetzt und restliche Mauerteile gesprengt worden. Anfang des 19. Jahrhunderts ist der Backofen zum Abriss freigegeben worden. Bei der Verbreiterung der Hauptstraße in den 50er Jahren und bei Ausschachtarbeiten zum Bau eines Hauses im Frühjahr 1991 sind Mauerreste entdeckt und Mauerbrocken sichergestellt worden.

Diese waren bislang die dürftigen Zeugnisse, „die von der einst bedeutenden „Festung“ Niederwalluf übrig geblieben sind“. Nun aber besteht die Chance, doch noch vorhandene, große Elemente freizulegen. Die Dimensionen Grundrisses würde genauere Rückschlüsse auf die Architektur des Bollwerks erlauben. Auch für die vermutete unterirdische Verbindung zum Johannisbrunnen könnten sich Belege finden. Deshalb hoffe ich sehr, dass jetzt weitere Erforschungen des Bollwerks möglich werden.

Dies muss die vorgesehene Neubebauung des Grundstücks nicht verhindern, aber es würde sie natürlich verzögern. In zahlreichen anderen Orten ist in ähnlichen Fällen seitens aller Beteiligten das nötige Verständnis aufgebracht worden – hoffentlich auch beim Backofen!

© Norbert Michel, 10.03. 2014

Siehe auch Bericht dazu im
Rheingau-Echo vom 06.03.2014

Nachtrag vom 23.03., ergänzt am 17.11.2014:

Der Wallufer Bürgermeisters Manfred Kohl hat beim Bauherrn im Einverständnis mit dem Landesamt für Denkmalpflege folgende Lösung erreicht: Durch Verschiebung der Backofenreste in Richtung Hauptstrasse werden sie dauerhaft und vor allem sichtbar erhalten. Für die Wallufer Ortsgeschichte, aber auch für die Historie des Rheingauer Gebücks ist damit einiges gewonnen!

www.ujmaweb.de


Mehr zur lokalen Historie:

>>> Index Ergänzungen zur Wallufer Ortsgeschichte

Gesamtansicht "Backofen"-Reste

Die Baugrube (nach dem Verkauf des Grundstücks und dem Abriss des Ev. Gemeindehauses) am 10. März 2014. (Im Hintergrund das Hotel Ruppert.) Nach meiner Auffassung sollte die Backofen-Ruine zur Erforschung vollständig freigelegt und mindestens dokumentiert, zu möglichst großen Teilen aber gesichert und erhalten werden!

Knapp rechts von der Bildmitte ist der Ansatz eines gemauerten Bogens zu erkennen, der zu einem Tor oder zu einer Gewölbedecke gehört hat.

Detail "Backofen"-Reste

Der o.g. Gewölbeansatz im Detail (06.06.2014)

Johannisbrunnen

Steigt man in den tiefen Schacht des Johannisbrunnens, ist ein zugemauerter Stollen zu sehen. Unter der jetzigen Hauptstraße hindurch führte er höchstwahrscheinlich in das Innere des Backofens.

Dieses Foto: Norbert Michel
Alle anderen Fotos: Herbert Ujma

"Backofen"-ResteNochmals die Baugrube am 13.03.2014 …

Neu:

Backofen August 2014
… und der einzig gesicherte und zur Hauptstrasse verschobene "Backofen"-Rest in seinem neuen Gehäuse am 12. August 2014. Auch wenn es nocht nicht der endgültige Präsentationszustand ist, könnte man spotten: Aus dem "Backofen" ist nun ein Einbauherd geworden!


Gebück-Mauer in Niederwalluf

Schon vor vielen Jahren fotografiert: Zu den weiteren Teilen des befestigten Gebücks in Niederwalluf gehört diese Mauer im "Paradies" (links des Bachlaufs der Walluf, unmittelbar vor dem Eisenbahnviadukt). Die Oberkante ist inzwischen begradigt (Verwitterungsschutz).

Mapper Schanze 2014

Bekannter – und natürlich auch beeindruckender – ist das einzige relativ gut erhaltene Bollwerk des Gebücks: die "Mapper Schanze". Sie wurde 1494 nahe der mit 619 m höchsten Erhebung des Rheingaus, der "Kalten Herberge", errichtet.