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Nachstehend der Text meines Ursprungs-Antrags für die Kreistagsitzung am 13. 02. 2006. Er wurde erst einige Monate später mit nur geringfügigen Veränderungen nahezu einstimmig vom Kreistag beschlossen:

Perspektiven der Bahnlinie 10

Die bekannten inakzeptablen Zustände auf der RMV-Linie 10 (Frankfurt Hbf – Koblenz Hbf), besonders zwischen Wiesbaden Hbf und Lorchhausen, müssen so schnell wie möglich und ungeachtet der Laufzeit des bestehenden Verkehrsvertrages verbessert werden. Der RMV wird gebeten, im Rahmen einer Überprüfung der Angebotskonzeption im Korridor Frankfurt / Flughafen / Mainz / Wiesbaden / Rheingau folgenden Interessen des Rheingau-Taunus-Kreises zu berücksichtigen:

Streckeninfrastruktur

Die bundesseitig der DB AG zur Verfügung gestellten Streckensanierungsmittel sollen im größtmöglichen Umfang zur beschleunigten Modernisierung der rechten Rheinstrecke abgerufen werden. Die für 2008 vorgesehene Einführung einer zeitgemäßen Leit- und Sicherungstechnik (EStW) soll möglichst kurzfristiger erfolgen. Die daraus resultierende Kapazitätserhöhung der Strecke soll nicht einseitig einem stärkeren Güterverkehr zugute kommen, sondern auch einer Intensivierung des Personenverkehrs dienen.

Zwischen Niederwalluf und Lorchhausen genügen 7 der 10 Stationen in keiner Weise den heutigen Standards für einen benutzerfreundlichen Zugang zum SPNV-Angebot. Zudem behindern und verlangsamen sie den Betriebsablauf, der auch durch eine stark veraltete Signal- und Sicherungstechnik sowie durch viele Langsamfahrstellen beeinträchtigt wird.

Die Stationen Wsb.-Schierstein, Erbach (Rheingau), Hattenheim, Oestrich-Winkel, Geisenheim, Rüdesheim (Rhein)* und Lorch (Rhein) sollen mindestens 38 cm hohe Außenbahnsteige (alternativ: Mittelbahnsteige) erhalten, die durch Unterführungen mit Rampen zugänglich sind. An den Stationen Niederwalluf, Eltville, Assmannshausen und Lorchhausen sind die Unterführungszugänge durch Rampen zu ergänzen bzw. gegen die Treppen auszutauschen.

*) Hinweis: In Rüdesheim würde bei Realisierung des Bahntunnels und der entsprechenden Streckenverlegung ein neuer Bahnhof gebaut werden.

Zur Vermeidung dauerhafter Mehrleistungskosten (Verkehr von / bis Kaub) soll im Zuge des Bahnsteig-Umbaus der Haltepunkt Lorch (Rhein) seine Bahnhofsfunktion zurückerlangen, so dass dort wieder Züge beginnen und enden können. Gemäß Kreistagsbeschluss sollen alle Züge der Linie 10 im Rheingau mindestens bis/ab Lorch (Rhein) verkehren.

Eingesetzte Fahrzeuge

Der Einsatz des derzeitigen Fahrzeugmaterials, größtenteils aus den 70’er Jahren stammend, ist zwar vertraglich bis zum Jahr 2010 vorgesehen, kann aber nicht als ernsthaftes Bemühen verstanden werden, potenziellen Fahrgästen eine Alternative zum Individualverkehr zu bieten! Hierbei ist neben dem Pendler- und Schüler-Verkehr der Freizeit- und Tourismusverkehr von wachsender Bedeutung.

Mit ihrem fragwürdigen Hinweis auf die noch größere Störanfälligkeit moderner Fahrzeuge gegenüber den „altbewährten“ ignoriert die DB AG die berechtigten Qualitäts- und Komfortansprüche der Fahrgäste. Die künftig auf der Linie 10 einzusetzenden Fahrzeuge sollen im Zusammenwirken mit den o. g. Bahnsteigumbaumaßnahmen einen problemlosen Ein- und Ausstieg ermöglichen, genügend Platz für Fahrräder bieten und natürlich klimatisiert sein.

Fahrplanangebot

In einem Ballungsraum wie dem Rhein-Main-Gebiet kommt zur Entlastung des Straßennetzes dem Bahn-Angebot als Rückrat des ÖPNV eine besondere Bedeutung zu. Dabei ist eine optimale Vernetzung des Regionalverkehrs einerseits mit den lokalen Nahverkehrsangeboten und andererseits mit den Fernverkehrsangeboten unerlässlich. Die in der Studie „Rhein-Hessen-Netz“ dargestellten Fahrgast-Potenziale für den Rheingau (+ 38%) sind ein deutlicher Hinweis.

Für der Linie 10 wird daher vom RMV ein deutlich verbessertes Angebotskonzept gefordert. Wegen der wachsenden Bedeutung des Tourismus-, Naherholungs- und Freizeitverkehrs soll an den Wochenenden das Fahrplanangebot nur soweit reduziert sein, dass an allen Rheingauer Stationen ein durchgehender mindestens zweistündlicher Takt erreicht wird. Der RMV wird gebeten, im Benehmen mit der DBAG die betriebliche Realisierungsmöglichkeit der unter 3. genannten Maßnahmen abzuklären. Ferner wird der RMV gebeten, die entsprechenden Kostenaufteilungen vorzuschlagen.

Die möglichen Alternativen bzw. Varianten stellen sich wie folgt dar:

a) Verlängerung der zwischen Frankfurt Hbf und Wiesbaden Hbf (über Ffm-Höchst) verkehrenden Regionalexpresszüge (RE) in den Rheingau.

Der einstündig verkehrende RE soll prinzipiell in den Rheingau verlängert werden (derzeit also mindestens bis Kaub, ggf. weiterführend bis Koblenz Hbf). Ab/bis Wiesbaden Hbf könnte dieser RE auch als Regionalbahn (RB) verkehren, also an allen Rheingauer Stationen halten. Außer in den Zeiten des verdichteten Takts wären dann alle anderen RB-Fahrten (die nur ab/bis Wiesbaden Hbf verkehren) entbehrlich. Somit bestünde im Rheingau ein durchgehend mindestens einstündlicher Takt an allen Stationen (bisher zweistündlich). Die Fahrzeit-Unterschiede zwischen RE und RB von Lorch bis Wsb.-Hbf betragen pro RB-Station 1 Minute, in der Summe also derzeit 7 Min. incl. Wsb.-Schierstein und Wsb.-Biebrich.

Um die Fahrzeit Rheingau – Frankfurt über Wsb-Hbf attraktiver zu machen, ist die DB AG zu bitten, alle betriebstechnischen Maßnahmen zu ergreifen, um die derzeitige Fahrtdauer im Dreieck Wsb-Biebrich – Wsb-Hbf – Wsb-Ost, die bei den derzeitigen RE’s rund 15-20 Minuten beträgt (davon 8-10 Minuten Aufenthalt am Bahnsteig Wsb-Hbf!) auf die Hälfte zu reduzieren.

b) Einführung einer RE-Linie (im Rheingau als RB), die von Frankfurt Hbf aus über Ffm-Flughafen in den Rheingau bzw. bis Koblenz verkehrt.

Für die Linie kommen drei Varianten mit folgenden Stationen in Betracht :

1. Ffm-Hbf – Ffm-Flughafen – (Kostheimer Brücke) – Mz.-Kastel – Wsb-Hbf – Rheingau

2. Ffm-Hbf – Ffm-Flughafen – (Kostheimer Brücke) – Mz.-Kastel – Rheingau

3. Ffm-Hbf – Ffm-Flughafen – Mainz Hbf – Rheingau

c) S-Bahn-Verkehr im Rheingau (Verlängerung mindestens einer der Linien S 1, S 8, S 9)

In Kenntnis der geringen Realisierungschancen wird der RMV dennoch um die Prüfung eines S-Bahn-Betriebs gebeten, der neben Wsb-Hbf auch den Flughafen und Ffm-Hbf bedient, eventuell auch Mainz-Hbf.

Begründung

Das 150-jährige Bestehen dieser Bahnstrecke (zwischen Wsb.-Biebrich und Rüdesheim) im Jahr 2006 sollte Anlaß sein, gründlich über ihre Nutzung im Personenverkehr und die dabei zu erzielenden Straßenentlastungseffekte nachzudenken. Diese betreffen nicht nur den Rheingau selbst, sondern neben der Stadt Wiesbaden auch den Rhein-Main-Raum insgesamt, weil der Rheingau sowohl ein Pendler-Wohnquartier als auch ein attraktives Ausflugs- und Tourismusziel ist. Daher ist auch eine bessere Verknüpfung mit dem Fernverkehr und dem Regionalverkehr der Nachbarregionen wichtig. Statt einer Einzelmaßnahme wie dem aus vielerlei Gründen gescheiterten „Direktzug“ nach Frankfurt Hbf muss eine Gesamtkonzeption für den Korridor Frankfurt / Flughafen / Mainz / Wiesbaden / Rheingau erstellt werden, die eine wirklich attraktive Alternative zur Pkw-Nutzung darstellt. Weder die bisherigen Gespräche mit der Stadt Wiesbaden noch die Aussicht auf eine gemeinsame Nahverkehrsgesellschaft machen die Formulierung der Vorstellungen des Rheingau-Taunus-Kreises überflüssig, die ja auch nicht gegen Wiesbaden oder andere Kommunen gerichtet sind.

Der Fahrplanwechsel auf der Bahnlinie 10 im Dezember 2010, mit dem endlich ein großer Teil der politischen Forderungen realisiert wurde, veranlasste mich zu dem folgenden Rückblick:

Dickes Brett gebohrt
Vom Schrott auf Rädern zur neuen „RheingauLinie“

Viele deutsche Ferienregionen, aber auch „normale“ ländliche Regionen haben in den letzten Jahren ein en Neustart im Schienennahverkehr versucht. Sei es durch Reaktivierung von Strecken, sei es durch Verhinderung von Stilllegungen: in den allermeisten Fällen konnten sich neu konzipierte Angebote deutlich erfolgreicher als erhofft etablieren!

Genervte Pendler, schrottreife Züge

Auf der rechten Rheinstrecke war der Nahverkehr – anders als der Fernverkehr – zwar nie eingestellt worden. Aber er dümpelte, besonders seit ihn die DB AG betrieb, ziemlich lustlos vor sich hin. Den Fahrgästen wurden bis heute vierzig Jahre alte Waggons, immer wieder Ausdünnungen des Fahrplans und verschlechterte Anbindungen an den Fernverkehr zugemutet, z.B. durch Abschaffung der Durchbindung nach/von Mainz Hbf. Ob ältere Menschen, Fahrgäste mit Fahrrad oder mit Kinderwagen überhaupt ein- und aussteigen konnten, hing stark vom der Hilfe der Mitreisenden ab. Wovon die Unpünktlichkeit abhing, wurde den Fahrgästen eher selten mitgeteilt.

Kommunalpolitik erfordert Geduld

Bereits Anfang des Jahres 2006 habe ich einen Kreistagsantrag „Perspektiven der Bahnlienie 10“ formuliert, mit dem dieser Misere ein Ende bereitet werden sollte. (siehe linke Spalte)

Besonders gefreut hat mich, dass letztlich alle Fraktionen von der Notwendigkeit eines besseren Bahn-Angebots überzeugt waren. Ergänzt wurde der Antrag noch durch die Forderung, auch eine S-Bahn-Verlängerung in den Rheingau zu prüfen.
Als Kreistagsbeschluss gingen diese ansonsten unveränderten Vorstellungen Mitte 2006 an den RMV und wurden auf ihre Realisierungsmöglichkeiten hin überprüft.

Leider schaffte es der RMV nicht, die DB AG zu einer Modifikation des laufenden Vertrages zu bewegen. Immerhin wurde die Notwendigkeit von Verbesserungen nicht bestritten und im Bereich Streckeninfrastruktur wurden sogar konkrete Planungen für Bahnsteig-Umbauten im Rheingau entwickelt. Sie hingen zwar auch mit der Einführung des „Elektronischen Stellwerks“ zusammen, aber das kann dem Fahrgast ja egal sein.

Sturheit der DB AG

Dann aber tat sich nichts – außer dass es weitere Fahrplan- und Pünktlichkeitsverschlechterungen und immer mehr Mängel an den Fahrzeugen gab. Doch die DB AG pochte darauf, diese und keine anderen Fahrzeuge bis zum Vertragsende einzusetzen – was sich noch rächen sollte.

Der RMV hatte inzwischen, zusammen mit dem SPNV-Nord, ein weitgehend modernes, an dem Kreistagsbeschluss orientiertes Angebotskonzept für den die Strecke Koblenz – Fankfurt/M ausgearbeitet. Es wurde zur Grundlage der Ausschreibung des neuen Verkehrsvertrags für die Bahnlinie 10! Ende 2009 zeichnete sich ab, dass nicht mehr die DB AG, die bekanntlich im Nahverkehr ordentliche Gewinne macht, den Auftrag bekommen wird. Sie hatte es – so leid mir die betroffenen Mitarbeiter tun – auch nicht anders verdient.

Neustart am 12. Dezember 2010

Das beste Angebot machte die in Frankfurt ansässige VIAS-GmbH. Sie wird modernste Triebzüge des Typs „Flirt“ einsetzen. Sie verfügen über 170 bis 230 Sitzplätze, guten Komfort, sind klimatisiert und fahren geräuscharm und energieeffizient bis zu 160 km/h schnell.

Das erste wesentliche Merkmal des neuen Fahrplans ist ein durchgängiger Stunden-Takt, also wie vom Kreistag gewünscht! Er wird Mo-Fr zu den Hauptverkehrszeiten auf einen halbstündigen Takt verdichtet.

Das zweite wesentliche Merkmal: Jeder Zug hält im Rheingau an allen Stationen! Somit besteht auch in Walluf – und das ist das dritte wesentliche Merkmal – mindestens stündlich eine umsteigefreie Verbindung nach Frankfurt Hbf! Auch das entspricht dem Kreistagswunsch.

Zwischen Wiesbaden Hbf und Frankfurt Hbf halten die Züge der RheingauLinie nur in Mainz-Kastel und Frankfurt-Höchst. In Wiesbaden bestehen bessere Anschlüsse nach Mainz (und weiter nach Darmstadt und Aschaffenburg) sowie zum Flughafen Frankfurt.

Zusätzlich verkehren alle Züge in Richtung Koblenz nicht nur bis Koblenz Hbf, sondern über den neuen Bahnhof Koblenz-Stadtmitte bis nach Neuwied. Somit wurden auch rheinland-pfälzischen Bereich der Bahnlinie 10 wesentliche Verbesserungen geschaffen.

Signet Rheingau-Linie
RheingauLinie echt attraktiv

Jetzt wird der Personenverkehr auf der Rheingauer Bahnstrecke also endlich so attraktiv, dass er eine gute Alternative zum Individualverkehr bietet. Das gilt nicht nur für die Pendler (und übrigens auch für den Schülerverkehr), sondern ebenso für den Freizeitverkehr.

Ob es sich um private Fahrten innerhalb des Rheingaus handelt, um Citybesuche oder um Veranstaltungen in Wiesbaden, Mainz oder Frankfurt handelt – die Fahrt mit der RheingauLinie wird ein bequemes und verlässliches Verkehrsmittel sein.

Zudem wird der Rheingau an sich profitieren: Denn auch Ausflügler, Naherholungssuchende und Wanderer können nun eher auf die Anfahrt mit dem Auto verzichten. Das gilt besonders auch für Radfahrer, für die es wesentlich leichter wird, das Bahn- und Radfahren zu kombinieren.

Ein kleiner Wermutstropfen sind die noch nicht an allen Stationen im Rheingau umgebauten Bahnsteige mit barrierefreien Zugängen. Andererseits werden die Streckenanwohner durch die leiseren Züge der RheingauLinie ein wenig entlastet.

Das ändert freilich nichts an der viel zu hohen Belastung durch den Lärm der Güterzüge. Sie sollten am Besten in Zukunft über eine neu zu bauende Güterzugstrecke, z.B. weitgehend parallel zur A 63, fahren. Aber bis dahin auf jeden Fall ihre Lärmemission verringern!

Foto Flirt Triebzug
Foto: RMV