Button Politarchiv Heckflossen-Herrlichkeit

Der schönste Unfug aller Zeiten

Ein Highlight der Weltgeschichte des Autodesigns sind, bei all ihrer Monströsität, jene Karossen, die hierzulande etwas naserümpfend "Ami-Schlitten", oder, ebenso respekt- wie neidvoll, "Strassenkreuzer" genannt wurden. Ihr Design ist nicht mehr und nicht weniger als das Ergebnis der Rock'n'Roll-Ära. So, wie diese Musik letztlich die Gesellschaft verändert hat, hat sie auch das Automobil-Design verändert.

Nicht revolutionär, aber beschleunigt evolutionär. Jedenfalls haben sich die Designer auch dann als Rebellen gefühlt, wenn sie, über den Tellerrand schauend, zitierten. Da konnte dann auch 'mal ein Detail eher nach Flugzeug als nach Auto aussehen. Das Design hatte ja gar nicht unbedingt etwas mit der Funktion zu tun – wenn es denn überhaupt eine Funktion gab.

Zum Glück der Designer waren ihre Chefs zum einen nicht unberührt geblieben vom Zeitgeist jener Epoche. Zum anderen liess sich ja gutes Geld damit verdienen. Denn die US-Designer kreierten Verrücktes, für das jede Menge Verrückte existierten, die es kauften. Von einem guten Dutzend eigenständig auftretender Marken gehörten einige schon seit Jahrzehnten zu General Motors oder zum Ford-Konzern. Daneben tummelten sich noch diverse "Einzelkämpfer" auf dem heimischen Markt, dessen Größe wenig Export-Ambitionen weckte.

Gleichwohl erfreute man sich bei Ford seines "Oversea-Office" in Gestalt der bereits 1925 gegründeten deutschen Tochter. Wenig später, 1929, hatte GM die deutschen Opel-Weke erworben. Abgesehen davon, dass nach dem Krieg nicht nur diese US-Töchter, sondern auch weitere deutsche sowie französische*) Auto-Hersteller ein wenig vom US-Design abkupferten, blieb das Konsequente des "Rock'n'Roll-Designs" den Amerikanern exclusiv.

*) Chrysler war damals bereits bei Simca eingestiegen.

Die Design-Party, die 6 Jahre dauerte

In dieser Zeit suchten sich die US-Autobauer permanent stakkato-mässig mit neuen Modellen zu übertrumpfen. Die Käufer blätterten ihre Dollars nicht für ein Transport-Vehicel, sondern für einen Spirit hin, nicht selten auch nur für ein temporäres, um nicht zu sagen: momentanes Gefühl. Die Preise bewegten sich in einer ebenso geringen Bandbreite wie die Abmessungen der Autos. Kleinwagen – ein unbekannter Begriff. Wer kaum Geld hatte, fuhr trotzdem "dicke Brummer", nur halt ältere Modelle, die sich bei den Gebrauchtwagenhändlern stauten.

Der sich unter anderem in ihrem Mobilitätsdrang ausdrückenden Freiheitsideologie der US-Bürger, denen auch die geografischen Gegebenheiten keinen Anlass zur Bescheidenheit bieten, ist ohnehin eine gewisse Masslosigkeit immanent. Dies ist bis heute durch nichts anderes so prägnant visualisiert wie durch jenes Design, das amerikanische Autos von Mitte der 50er bis zu den frühen 60er Jahren gestaltete. – Ja, das sind lediglich rund 6 Jahre gewesen.

Wozu auch enge Autos, wenn es drumherum keinerlei Enge gab. Und bekanntermassen war es ja völlig egal, wievielt Sprit dieser Spirit verbrauchte, obwohl diesen schnurrenden 8-Zylinder-Motoren mit eher über als unter vier Litern Hubraum meist nur ein kleiner Teil ihrer Leistung abverlangt wurde. Schließlich mussten Passanten und Eisdielen-Gäste ja wahrnehmen können, mit welchem, natürlich offen gefahrenem "Convertible" man an Ihnen vorbei rollte. Rollte. Nicht bretterte!

Unpolitisch könnte man das US-Embargo gegen Kuba samt dem Castro-Sozialismus als automobilgeschichtlichen Glücksfall betrachten. Noch heute fahren dort (notgedrungen) jene Autos aus der Rock'n'Roll-Design-Ära. Freches und Gewagtes, aber vorwiegend noch "Gerundetes" gab es schon ab 1955. Das – im wahrsten Sinne des Wortes – Zugespitzte kam ab 1958 auf den Markt.

Foto orig. Cadilla-Flossen Ein Original! *)

"Hoch die Flossen"

Nun ragten an Sinn- und Zwecklosigkeit nicht zu überbietende "Heckflossen" in die Luft, wuchsen bei manchen Modellen in geradezu absurder Weise aus den hinteren Kotflügeln heraus. Auch die Flossen-Enden "gemässigter" Formen wurden gerne mit abenteuerlich sience-fiction-mässigen Rücklichtern ausgestattet. Natürlich musste eine solche optische Hecklast irgendwie am Bug ausgeglichen werden.

Die Doppelscheinwerfer wurden "Pflicht", unterhalb davon ragten gerne kleine "Rammböcke" heraus, zuweilen auch mit der Anmutung einer Raketenabschuss-Offnung, manchmal jedoch tatsächlich als Zusatzlicht von Nutzen. Gänzlich unnütz die auf den Oberkanten der vorderen Kotflügel angebrachten Applikationen, auch schon 'mal nach Windmessung aussehend, wie bei Flugzeugen. Ein komplettes Flugzeug als mittige Motorhaubenverzierung gab es auch.

Eine eigene Design-Orgie galt zuweilen der Radkappe , was sich insofern lohnte, als deren Gestaltung ja vier mal pro Auto angewandt wurde. Die Zeit der Alu-Felgen kam viel später, aber Weisswandreifen waren obligatorisch. Für das Reserverad, wenn es nicht einfach auf dem Kofferraumboden liegend montiert war, schuf man nicht selten einen kleinen Anbau hinter dem Kofferraum, in dem das Rad stehend untergebracht war. Natürlich wurde nicht der Kofferraum verkürzt, sondern das Auto verlängert.

Drin ist, was aussen drauf ist.

Voll krass hingegen die unglaublichen Einfälle für das Innendesign. Die Farbgebung der Sitzbezüge, Seitenverkleidungen, des Armaturenbrettes, sogar des Lenkrades hatte zwingend mit dem Aussenlackierung zu tun. Und die bestand aus einer Zweier-Farbkombination, im mittleren Drittel jener Dekade praktisch standardmässig. Und was es alles an Farben gab! Eine davon, die bei allen Autos – jedenfalls von ihrer Fläche her – als Farbe gezählt werden konnte, war Chrom.

Das "Cockpit", ein Begriff, der auch in den 60er Jahren bei Autos noch nicht üblich war, kam nicht "vom Zulieferer". Jedes Instrument, jeder Bedienknopf oder -hebel als Bestandteil des Armaturenbretts gehörte zum "ganzheitlichen" Design dieses Modells und sah bei keinem anderen Auto genau so aus. Ergonomische Aspekte, soweit sie es damals überhaupt schon gab, ignorierte man, weil es nicht wirklich darum ging, Informationen anzuzeigen oder Sicherheit zu gewähren.

Gemütlichkeit, voll geil!

Vorne – hinten sowieso – saß man quasi auf einem Sofa. Das vordere Sofa unterschied sich nur durch die geteilt klappbare Rückenlehne vom hinteren Sofa. Kein Wunder also, dass Autokinos und "Drive-Inn's" entstanden. Kardantunnel hielt man flach, Mittelkonsolen gab es nicht. Auch kein Gangschaltungshebel minderte die Beinfreiheit – Vorteil der Lenkradschaltung.

Aber: das Auto als Ganzes, das sollte sich eben sehr wohl von anderen unterscheiden, auch das Nachfolgemodell vom Vormodell des selben Herstellers. Es gab keine Modell-Familien, keine Plattformen, wenig herstellertypischen Merkmale. Allerdings waren die Design-Details nicht frei von Modeerscheinungen, die sich dann bei vielen Modellen fanden – natürlich etwas abgewandelt und meist nur im jeweiligen Modelljahr.

Es waren sechs Jahre der Vielfalt, der Buntheit, der Verrücktheit. Im Prinzip in allen Lebensbereichen. Im Prinzip in der gesamten "westlichen" Welt. Im Prinzip auch bis in die 70er Jahre andauernd. Aber im Autombil-Design nur für diese sechs Jahre und nur in den USA.

Mein Respekt gilt jenen Designern, die u.a. bei den Marken Buick, Cadillac, Chevrolet, Chrysler, Desoto, Dodge, Edsel, Ford, Lincoln, Mercury, Oldsmobil, Packard, Plymouth, Pontiac und Studebaker, in kurzer Zeit etwas für die Ewigkeit geschaffen haben.

Text und Fotos © Herbert Ujma, 23.04.2013 / 15.07.2014
www.ujmaweb.de

Foto original Cadillac

*) Originale sind natürlich rar. Aber ein Super-Exemplar kam mir ein halbes Jahr später in Walluf vor die Linse: Genau der pinkfarbene Cadillac Eldorado wie oben rechts im Modell, nur etwas dezenter verchromt (siehe Heckansicht in dieser Spalte).

 

 

Titelbild

Web-Galerie "Ami-Schlitten" (zeigt auch Bug-Ansichten)


Heckflossen-Parade:
Bilder anklicken = Ansicht in 900 Pixel Breite (gilt auch für obiges Galerietitelbild)

Foto Heck 02 1959 Cadillac Eldorado *)

Foto Heck 03 1958 Buick Rivera

Foto Heck 04 1959 Mercury Parklane

Foto Heck 05 1959 Buick Electra

Foto 06 1959 Pontiac Bonneville

Foto Heck 10 1957 Ford Thunderbird

Foto 07 1957 Cadillac Brougham

Foto Heck 08 1957 Mercury Turnpike

Foto Heck 11 1961 Desoto Adventurer

Foto Ford Failaine Heck 1957 Ford Fairlane

Foto Heck 09 1958 Edsel Citation

Abb. Plymouth Fury  1960 Plymouth Fury

Abb. Chevrolet Impala 1959 1959 Chevrolet Impala

Foto Heck 12 1959 Dodge Custom Royal Lancer

Bis auf die beiden in der linken Spalte zeigen meine Fotos Modellautos des Maßstabs 1:18. (Bei einigen lässt die Fertigungsqualität zu Wünschen übrig – der Preislage entsprechend.