Button Politarchiv Das Schweigen der Eltern

Mein Vater Walter Ujma und meine Mutter Annemarie Ujma geb. Steppert, haben zweifellos dem Dritten Reich gedient. Anfangs vermutlich sogar mit Begeisterung. Aber da fängt schon die Spekulation an. Denn erzählt haben sie von ihrer Zeit im Nationalsozialismus nie etwas. Und schon gar nichts von ihren Kriegserlebnissen.

Allerdings betonte mein Vater stets, nie mehr eine Waffe anfassen zu wollen. Und tatsächlich fasste er nicht einmal ein Luftgewehr an, wenn er in alter Treue Veranstaltungen seines Schützenvereins besuchte. Er riet auch meinem Bruder und mir dringend (aber vergeblich) davon ab, zur Bundeswehr zu gehen. Das spricht ziemlich klar für ein Trauma, das seine Wehrmachtszeit verursacht hatte.

Ich gehe davon aus, dass meine Eltern von ihren jeweiligen Eltern eine positive Grundhaltung zum Dienst für das Vaterland mitbekommen hatten, zu der eben noch die eigene und allgemeine Aufbruchstimmung jener Zeit hinzukam – bei meiner Mutter verstärkt durch den BDM (Bund Deutscher Mädel).

Bei meinem Opa mütterlicherseits (geb. 1895) läßt sich schon aus der Tatsache, dass er Oberfeldmeister (= Oberleutnant) des Reichsarbeitsdienstes (RAD) und NSDAP-Mitglied gewesen ist, eine positive Haltung zu Hitler ableiten. Anders als mein anderer Opa war er noch jung genug, um eine solche Funktion im nationalsozialistischen System auszuüben.

Mein Opa väterlicherseits (geb. 1877) hingegen verehrte zeitlebens Kaiser Wilhelm II., äusserte sich aber niemals zu Hitler. Zu seinen Preußentum gehörte ganz selbsverständlich auch der Militärdienst im 1. Weltkrieg. Danach gehörte er gerne dem "Militärverein Steinkuhl" *) im "Preußischen Landes-Kriegerverband" an.

Gleichwohl trauerte er, dass nur zwei seiner Söhne und nicht alle drei aus dem 2. Weltkrieg zurückgekommen waren. Sein jüngster Sohn Herbert (geb. 1922), zu dessen Gedenken ich diesen Namen erhielt, geriet laut einem DRK-Vermissten-Gutachten in russische Kriegsgefangenschaft und kam dort vermutlich kurz darauf ums Leben (siehe PDF).

Es ging meinen Eltern nicht um das Leugnen des "Dabeigewesenseins", sonst hätten sie ja auch die Fotos wegwerfen müssen. Aber wie so viele andere Eltern waren sie nicht in der Lage – und/oder nicht willens – über die nationalsozialistische Zeit, geschweige denn über die Kriegsjahre zu sprechen.

Es wäre vermessen, ihnen irgendwelche Vorwürfe zu machen. Hätte ich den Mut und die Kraft gehabt, in ihrer Situation anders zu handeln, den Weg des Widerstands zu gehen, mit allen Konsequenzen? – So bleibt auch am Ende dieses Beitrags nur Spekulation.

Möge jedes offene Wort wenigstens dazu beitragen, dass es niemals mehr möglich ist, wie in der Nazi-Zeit einen solchen Mitmach-Sog zu entwickeln, dass alle Greueltaten und aller Kriegswahnsinn hingenommen werden. Demokratie allein ist dafür kein Garant.

Ein tolerante und offene, aber auch solidarische Gesellschaft, eine wirklich soziale Marktwirtschaft, Bildung, absolute Meinungs- und Pressefreiheit sowie die Einbettung in die Europäische Union mögen uns befähigen, alles Totalitäre abzulehnen.

Herbert Ujma, 23.03.2013, aktualisiert am 21.10.2013

www.ujmaweb.de

Walter Ujma Foto Elfriede Ujma
Mein Vater Friedrich Walter Ujma, geb. 1912;
Meine Mutter Annemarie Elfriede Ujma, geb. Steppert, geb. 1922

Abb. Kriegsverdienstkreuz Eher verschämt hatte mein Vater sein Kriegsverdienstkreuz 2. Klasse mit Schwertern einfach in Opas Schatulle gelegt, die dessen Auszeichnungen enthielt.
Niemals sprach mein Vater darüber, aber wegwerfen wollte er den Orden auch nicht, dessen Vorderseite das Hakenkreuz "ziert".

Wie meine Eltern überlebten auch diese Familienmitglieder den Krieg:

Abb. Heinz Steppert Abb. Fritz Steppert Abb. Schmidt v.l.n.r.:
Onkel Heinz, der Bruder meiner Mutter, diente bei der Kriegsmarine
ihr Vater beim Reichsarbeitsdienst,
der Mann meiner Tante Hilde bei der Flak.

Diese beiden - wie so viele andere - überlebten leider nicht:  

Abb. Jettes Verlobter Der Verlobte meiner Tante Jette, Heinrich Meyburg, diente in der SS Leibstandarte "Adolf Hitler" als Untersturmführer. Mit 24 Jahren musste er im August 1944 in der Normandie sein Leben lassen.
Onkel Herbert Thumb Russland
Herbert Ujma, der Bruder meines Vaters, geriet Ende Januar 1943 als Gefreiter der Infanterie nordwestlich von Stalingrad in russische Kriegsgefangenschaft (DRK-Suchdienst). Mutmasslich endete kurz darauf sein Leben – mit 21 Jahren! (Siehe PDF)

Reproduktionen und Abbildung: Herbert Ujma